Die Startups der Lebensmittelindustrie - Innovationen made in Germany

YFood macht Flüssignahrung zum Trend, infarm stellt den Kräuteranbau direkt in den Supermarkt vor die Nase des Konsumenten und Gorillas räumt den Market der Lebensmittellieferungen auf - und das obwohl das meiste Risikokapital nicht in Europa investiert wird. Ein Anlass, zu denken, dass Innovationen und Trends in Europa und auch in Deutschland kaum zu finden sind - egal ob es um nachhaltige Lebensmittelproduktion geht oder die Digitaliserung der gesamten Foodindustrie. Aber die genannten Beispiele zeigen: Es gibt sie, die Unicorns und Startups aus Deutschland, die mit spannenden Konzepten auf den Markt drängen.

Michael Kirchberger fasste in einer Keynote ein paar der spannendsten Entwicklungen zusammen und was sie für die Digitalisierung heißen. Sehen Sie sich seine Impulse hier an (XING Puls Digitaliserung München, 5.5.2021):

Michael Kirchberger - Ein Blick auf die deutschen Startups der Foodbranche

Abseits der Startups: Digitalisierung bei HOMANN Foodservice

Und wie schaffen es lang etablierte B2B-Unternehmen, die Entwicklungen umzusetzen und mit bestehenden Strukturen zu vereinbaren? Timo Brauroth von HOMANN Foodservice zeigt, welche internen und Herausforderungen es für Vertrieb und Marekting zu überwinden gilt.

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Der Vortrag von Michael Kirchberger zum Nachlesen

"Smart-Cuts sind für uns bei SNK kuratierte Neuigkeiten, mit denen wir einen Einblick in Themen geben, die uns gerade bewegen und die Auswirkungen von aktuellen Themen auf andere Branchen, beziehungsweise von grundsätzlichen Bewegungen, die wir in den unterschiedlichen Branchen, beziehungsweise im großen Feld der Digitalisierung, spüren. Und da versuche ich jetzt ein paar Punkte aufzugreifen. Die Smart Cuts selber kann man auch jederzeit gerne abonnieren.

Womit, glaube ich, auch einige schon herumexperimentiert haben, das ist das Thema Clubhouse. Ich weiß nicht, ob ihr das alle kennt? Clubhouse ist ein reiner audio-basierter Service, wo ich einen Termin, einen Raum aufsetzen kann, in den ich reingehen und zuhören kann, wie live gesprochen, diskutiert wird und wie ein Austausch stattfindet. Das Ganze kann eben nicht aufgezeichnet werden, sondern es findet in diesem Moment, realtime, statt. Zu sämtlichen Themen. Und da war zu Jahresbeginn ein ziemlicher Hype darum. Warum war der Hype? Zu einem gewissen Teil, weil es natürlich mal ein neues Format ist. Bewegtbild ist ja schon ein sehr, sehr, sehr lang bekanntes Format. Gerade durch Covid und durch die ganzen Absagen der Offline-Events, die Digitalisierung der Events und somit der gesamten Webinare oder auch sonstigen Themen, womit jeder von uns völlig überflutet wurde. Clubhouse war mal ein bisschen was Neues und Erfrischendes.

Ein Ultra-Hype am Anfang des Jahres, der mittlerweile wahrscheinlich, zumindest bei mir, und ich glaube, bei vielen von euch auch, abgekühlt ist. Und trotzdem hat man eine massive Bewegung gesehen: Es sind Copycats könnte man sagen von etablierten Playern auf den Markt gekommen oder kommen gerade auf den Markt: 

  • Discord, ein etablierter Service in der Voice Kommunikation, bringt jetzt die Stage Channels heraus.
  • Twitter bringt jetzt einen eigenen Bereich raus, wo dasselbe Prinzip kopiert wird.
  • Facebook bringt auf den Instagram- und den Facebook-Live-Messenger auch ähnliche Funktionalitäten raus.
  • Slack hat auch Live Features geplant.

Das heißt, das ganze Thema Voice-Austausch und direkte Kommunikation auch in größeren Gruppen, gewinnt ungemein an Bedeutung. Das sieht man daran, weil wir tatsächlich diesen Austausch in Gruppen vielleicht etwas auch vermissen und vor allem auch an dem unverbindlichen Charakter: Jeder kennt es von Video Meetings. Da bin ich aufmerksam, sollte irgendwie dabei sein. Aber so dieses ganz Entspannte, wie es früher mal in der Kaffeeküche oder im Teamraum war, wo ich mal reingegangen bin, mich zum Kollegen gesetzt habe und dann ein anderer dazukam oder jemand wieder rausgegangen ist: Sowas findet natürlich nicht mehr statt. Und das hat durch dieses Voice-Konzept ganz gut funktioniert und  vielleicht auch genau da eine ganz, ganz große Daseinsberechtigung.

Was auffällt: Es sind natürlich wieder alles nur Player aus den USA. Es ist kein europäisches Unternehmen dabei, das hier irgendwie maßgeblich einen Beitrag leisten kann. Und da stellt sich für uns dann schon immer wieder mal die Frage, warum ist denn das so? Es wird auch sehr, sehr oft auf Deutschland bezogen, dass wir in der Digitalisierung hinterherhängen. Aber es ist wahrscheinlich, wenn man es ein bisschen größer sieht, auf der EU-Ebene ähnlich. Und das haben wir uns näher angeschaut: Was gibt es denn eigentlich für Unicorns, die in den letzten Jahren aus Startups entstanden sind? Unicorn werden Startups genannt, die in der Regel innerhalb von fünf Jahren zu einem Unternehmen mit einer Milliarde Bewertung gewachsen sind. Und da sieht man: Ja klar, die USA haben zehnmal so viele Unicorns gewonnen wie Europa. Und auch Asien ist circa fünfmal so stark wie Europa. Das Gute ist aber: Deutschland liegt innerhalb von Europa noch sehr weit, weit vorne. Wobei natürlich UK, die sehr nah an dem englischsprachigen Markt sind, uns da immer noch übertrumpfen können. Wenn ich mir jetzt anschaue: Warum ist das so? Und was kann das für andere Themen bedeuten? Dann muss ich mir anschauen, was im letzten Jahr die größten Investitionen waren:

Auf der linken Seite erstmal die Branchenverteilung. Da habe ich den Bereich Automotive, der mit den größten Zufluss an Mitteln hatte und bei dem man vermuten müsste, Deutschland wäre sehr, sehr weit vorne dabei. De facto ist aber dann nicht so wirklich viel passiert. Auch in anderen Bereichen wie Pharma sind wir eigentlich auch traditionell ultrastark. Es sind auch viele Branchen, die sehr technologisch getrieben sind, in Deutschland, beziehungsweise im weitesten Sinne auch Europa wie z.B. die Nordics, immer relativ vorne dabei - zwar nicht aus einer IT-technologischen Sicht, aber aus fertigungstechnologischer Sicht.

Wenn ich mir die Empfänger einzelner Investments anschaue, sieht man, dass in Europa gerade EIN Unternehmen dabei ist: Das ist mit Klarna ein Fintech Unternehmen, ein Zahlungsmittelanbieter, der in Anführungsstrichen die niedrigste Position in dem Ranking hat. Und das ist natürlich wieder etwas, wo ich mich frage, oh wow, was passiert denn da? Kann ich denn das Ganze jetzt wirklich globaler sehen, auch auf weitere Themen ausweiten? Und mir wirklich überlegen, was bedeutet das denn jetzt für unsere heimische Industrie und für den heimischen Markt? Wenn ich mir eine kleine Nische herauspicke, den Bereich Food, kann ich aus meiner Sicht - einer eher fast schon Endkundensicht - das Ganze auch auf eine B2B-Perspektive ausweiten. Es gibt auch schon Einiges, was passiert:

YFood ist ein Unternehmen, das versucht, die Ernährung zu revolutionieren, sich den New Work Konzepten und der modernen Arbeitswelt anzupassen und sagt: "Okay, ich bekomme eine gesunde Ernährung. Eine Ernährung, die mich nicht direkt lähmt wie vielleicht das Schnitzel in der Kantine. Und ich revolutioniere das, indem ich sage, es geht im Prinzip um einen Shake, der alle wichtigen Nährstoffe enthält und mich dann auch sättigt." Das Ganze wird dann natürlich auch weniger über den klassischen Vertriebskanal Supermarkt oder ähnliches abgewickelt, sondern bildet sich natürlich völlig über Online-Vertriebskanäle ab, Abo-Modelle und sonstiges - was sehr, sehr smart ist. Ob es einem selbst auch wirklich dieses eigentliche Spannende beim Essen, diese kleine Auszeit, diese kulinarische Befriedigung gibt, muss jeder für sich selber entscheiden. Mir hat es das zumindest nicht so gegeben.

Ein weiteres spannendes Konzept ist Infarm. Ich weiß nicht, ob ihr das auch gehört habt: Das ist ein Berliner Startup, das im Markt schon relativ etabliert unterwegs ist. Sie haben ich glaube weltweit über 1200 Gewächshäuser. Und diese Gewächshäuser stehen zum Beispiel in Supermärkten, wo Kräuter und gewisse Lebensmittel direkt im Handel wachsen. Das heißt, die Logisitk verändert sich komplett. Die Wahrnehmung verändert sich komplett wie auch der Weg, wie der Konsument an die Produkte kommt. Und zwar werden sie nicht mehr in irgendwelchen Gewächshäuser in den Niederlanden oder Spanien angebaut und dann hierher gekarrt. Sondern es stehen einfach Gewächshäuser direkt in Supermärkten. Ob sich das Ganze durchsetzt und wie stark, das bleibt spannend. Aber ich finde es einen wahnsinnig tollen Ansatz. Natürlich nicht nur, weil es den gesamten Prozess zwischen den Unternehmen revolutioniert, sondern auch Waren von der Straße nimmt und somit natürlich auch aus ökologischen Gesichtspunkten spannend ist. Außerdem bietet Infarm so ein ganz anderes Einkaufserlebnis.

Apropos frische Produkte. Es gab auch ein jedem oder zumindest vielen bekanntes Unternehmen mit Hello Fresh, das versucht hat, das Thema des Einkaufens und des Kochens zu verändern, wirklich in den Alltag reinzukommen und sich mit Kundenbindung, mit einem Login und mit einem Abo-Modell spannend aufzubauen. Mit ihrem Börsendebut und wahrscheinlich auch durch die Pandemie bedingt, ist Hello Fresh ein sehr erfolgreicher Player im Markt und hat sich sehr, sehr stark etabliert - und kann somit natürlich auch eine gewisse Veränderung in der Branche darstellen. Das beginnt vielleicht beim Supermarkt. Oder wenn mehr Home Office genutzt wird, bei der Imbissbude, beim Metzger oder beim Restaurant um die Ecke, wo ich mir vielleicht dann doch nichts mehr hole, sondern auch mal selber koche.

Und dann hat Gorillas in den letzten zwölf Monaten einen irren Wachstum zutage gelegt: Gorillas ist ein Supermarkt, bei dem ich über die App Produkte bestelle, die innerhalb von zehn Minuten zu mir geliefert werden. Ich bin in dem Einzugsgebiet eines Gorilla-Supermarktes und das funktioniert wirklich. Ich bestelle da auch gerne regelmäßig mal meine Einkäufe, weil die wirklich in ein paar Minuten da sind. Ob das jetzt wirklich immer zehn Minuten sein müssen, ist fraglich, aber das kann natürlich auch signifikante Änderungen in der gesamten Branche mit sich bringen: Ich brauche dann vielleicht weniger diesen großen Supermarkt in den urbanen Zentren, sondern Lagerstätten dort, von denen aus dann auf Fahrrädern einfach ausgefahren wird.

Wenn ich aus dieser Perspektive betrachtet sage, die Lebensmittelindustrie lässt sich doch digitalisieren, dann ist das sehr B2C-fokussiert mit Ausguckern auch in den B2B-Bereich. Die Fragen, die sich dann für mich immer stellen, sind: Wo stehen wir insgesamt? Was bedeutet das denn für etablierte Player? Was sind für Veränderungen drin? Und was wir sehen: Das Produkt selbst verändert sich vielleicht etwas. Mit YFood gibt es z.B. etwas Neues. Aber die Stärke der Digitalisierung liegt eher bei der Veränderung in den Kommunikations- und Marketing-Prozessen und genauso in den Servicemodelle und Ideen außenherum.

Daher freue ich mich jetzt besonders, Timo hierzuhaben: Timo, der HOMANN Foodservice vertritt und uns darüber berichten wird, was dort Digitalisierung im B2B-Umfeld bedeutet."